Presbyopie oder Hyeropie?

Alterssichtige und Weitsichtige haben vieles gemeinsam: beide tragen Brillen mit Plusgläsern. Denn sie können im Nahbereich nicht scharf sehen. Die Ursachen für die Sehschwächen könnten jedoch kaum verschiedener sein.

Nachgefragt: Was unterscheidet eigentlich Alterssichtigkeit (Presbyopie) von Weitsichtigkeit (Hyperopie)?

Irgendwann ist der unausweichliche Moment gekommen. Und man merkt, dass das Alter auch vor den Augen nicht haltmacht. Man sitzt beim Frühstück und möchte die Zeitung lesen und stellt fest, dass man die Buchstaben nicht mehr richtig erkennen kann. Unwillkürlich hält der Betreffende die Zeitung einfach etwas weiter von sich weg. Und tatsächlich: Ab einen bestimmten Abstand werden die Buchstaben wieder schärfer, so dass er den Text wieder lesen kann. Doch diese Taktik hilft nur für kurze Zeit. Nach und nach werden die Arme immer länger, bis der Betreffende irgendwann den Text selbst mit ganz ausgestreckten Armen nicht mehr entziffern kann. Ob beim Lesen eines Buches oder einer Zeitung, am PC Arbeitsplatz oder im Supermarkt, wo man die Aufschrift auf den Produkten zu entziffern versucht, diesen schleichenden Prozess erleben viele. Die Ursache dieser speziellen Variante der Weitsichtigkeit ist altersbedingt. Treffenderweise wird sie als Alterssichtigkeit und umgangssprachlich Altersweitsichtigkeit genannt. Rund 20 Millionen Deutsche sind von der sogenannten Presbyobie, wie diese Sehschwäche medizinisch korrekt heißt, betroffen.

Wenn die Linse verhärtet

Ab 40 Jahren lässt die Fähigkeit des Auges, von Nah- auf Fernsicht umzuschalten, immer mehr nach. Denn die Augenlinse verliert mit zunehmendem Alter an Elastizität und verhärtet. Der flüssige Linsenkern wird immer zäher, da sich bereits etwa ab dem 10. Lebensjahr Eiweiße darin absetzen. Aber nicht nur die Linse verändert sich, sondern auch die Kraft der Ziliarmuskeln lässt nach. Diese Muskeln ziehen die Linse je nach Bedarf in die Länge oder stauchen sie zu einer runden Form. Ähnlich wie eine digitale Spiegelreflexkamera kann der Augenapparat das Bild auf diese Weise immer wieder scharf stellen.

Alterssichtige und Weitsichtige, beide sehen in der Nähe nicht gut

Unter denselben oder sehr ähnlichen Problemen wie die Alterssichtigen leiden die Weitsichtigen. Auch sie erkennt man daran, dass sie mit ausgestreckten Armen lesen. Jeder dritte Deutsche ist von der sogenannten Hyperobie betroffen. Im Gegensatz zur Alterssichtigkeit ist diese Sehschwäche jedoch meist angeboren. Bei einem Weitsichtigen ist der Augapfel und somit auch die Länge der Achse zu kurz. Normalerweise beträgt die Achsenlänge, die von der Hornhaut bis zur Netzhaut reicht, etwa 24 mm. Fehlt auch nur ein halber Millimeter, reicht schon die Brechkraft eines Auges nicht mehr aus, um das einfallende Licht, rechtzeitig in der Netzhaut zu bündeln. Bei manchen erzeugt der Apparat, der aus Hornhaut-Glaskörper und Augenlinse besteht, eine zu geringe Brechkraft. Diese spezielle Sehschwäche, die Fachleute Brechungshyperobie nennen, kommt aber recht selten vor.

Bis zu einem gewissen Grad kann das weitsichtige Auge diese Sehschwäche selber ausgleichen, indem es immer wieder auf Nahsicht umstellt. Der andauernde Anpassungsprozess der Augen, der medizinisch korrekt Akkomodation heißt, strengt die Augen jedoch enorm an. Denn dabei werden ständig die Ziliarmuskeln beansprucht. Insbesondere bei intensiver Naharbeit ermüden die Augen der Weitsichtigen sehr schnell. Nicht selten leiden Weitsichtige deshalb an Kopfschmerzen oder Augenbrennen. Damit die Augen wieder lernen, sich zu entspannen, ist das Tragen einer Brille sehr wichtig.

Alterssichtigkeit trifft Weitsichtige doppelt schwer

Viele Weitsichtige können auch in der Ferne nicht entspannt sehen. Ihr Sehapparat muss deshalb auch beim Blick in die Ferne akkomodieren. In jungen Jahren können sich ihre Augen jedoch meist noch recht gut auf weit entfernte Gegenstände einstellen. Doch ab dem 40ten Lebensjahr, wenn die Elastizität der Linse nachlässt, verstärken sich die Beschwerden der Weitsichtigkeit spürbar.

Der Augenoptiker sorgt für klaren Durchblick

Bei Weitsichtigen erfordert die Ermittlung der Korrektionswerte viel Fingerspitzengefühl. Denn deren Auge ist darauf trainiert, ständig zu akkomodieren. Eine objektive Augenglasbestimmung macht wenig Sinn, da die Ergebnisse meist verfälscht sind. Der Optiker kann die Weitsichtigkeit mit Sammellinsen, die die Brechkraft der Linse erhöhen, leicht korrigieren. Durch diese konvex gekrümmten Plusgläser wird erreicht, dass beim Blick in die Ferne auch ohne Akkomodation wieder ein scharfes Bild auf der Netzhaut entsteht. Wird ein Weitsichtiger ab dem vierzigsten Lebensjahr auch noch alterssichtig, können möglicherweise bifokale Kontaktlinsen geeignet sein. Als weitere Sehhilfe kommt auch eine Gleitsichtbrille in Frage, mit der sowohl Sehprobleme in der Ferne als auch in der Nähe korrigiert werden können.

Bei Alterssichtigkeit genügt anfangs meist eine Lesebrille. Sie ist vor allem für all jene geeignet, die viel lesen und in der Ferne noch gut sehen können. Optiker empfehlen sie allerdings nur, wenn die Dioptrienwerte bei beiden Augen gleich hoch sind. Sieht man mit dem einen Auge deutlich besser als mit dem anderen, fertigt der Optiker eine individuelle Lesebrille an. Und für jene, die auch in der Ferne nicht scharf sehen können, empfiehlt sich ebenfalls das Tragen einer Gleitsichtbrille.